Leïla Slimani „Trag das Feuer weiter“

Die marokkanisch-französische Autorin Leïla Slimani schließt ihre Triologie mit einem programmtischen Titel ab: „Trag das Feuer weiter“. Und beendet damit eine mehr als außergewöhnliche großartige Familiensaga, die das Schicksal von drei Generationen erzählt, von 1945 bis heute.
Mia, die ältere Tochter von Aïcha und Mehdi Daoud, ist inzwischen erfolgreiche Schriftstellerin und kehrt aus Paris zu ihren Wurzeln nach Marokko zurück, in den Beginn der 80er Jahre. Auf der Farm ihrer Großeltern (Mathilde und Amine), wo alles begann, findet sie Papiere und Dokumente, die Erinnerungen nach oben bringen. Auch an ihre Kindheit, die Neugier, ihr genaues Beobachten ihrer Umgebung und ihren unendlichen Hunger nach Büchern, den sie mit ihrem Vater teilt. Früh schon spürt sie die gesellschaftlichen Hierarchien – sie wächst mit ihrer jüngeren Schwester im französischen Viertel auf und ist irritiert über die Trennung von Franzosen und Arabern, bemerkt den Drang nach Veränderung bei den Jüngeren, aber auch die Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne.
Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Slimani diesen Roman, ohne die Brüche in ihren vielen Figuren zu moralisieren oder auszuerzählen. Natürlich haben geschilderte Szenen auch Symbolcharakter, was aber dem Roman noch mehr Wucht verleiht. Jede Generation hat andere Schwerpunkte, Träume und Vorstellungen von eigenen Leben, manches geht nicht in Erfüllung. Slimanis Roman ist ein vielschichtiges und lebendiges Zeugnis, das weit über das Schicksal einer Familie und insbesondere deren Frauen hinausweist: es geht um Herkunft und Identität, um Heimatverlust und das Streben nach Unabhängigkeit.
Beeindruckend!
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