WILLKOMMEN BEI LEUENHAGEN & PARIS

Kristina Hauff
am 28.08.2025
Für alle, die nicht bei der Lesung sein konnten, haben wir noch handsignierte Bücher im Laden.
Was bleibt von einem Leben? Diese Frage stellt der ZEIT-Redakteur Henning Sußebach und spürt dem Leben seiner Urgroßmutter nach, einer frühen Feministin, die trotz gesellschaftlicher Zwänge ihren eigenen Lebensweg gegangen ist.
Ein winziger Nachlass, wenige Briefe und Poesiealben sind von ihrem Leben geblieben, das sehr ungewöhnlich war für eine Frau, die in einem kleinen Dorf im Sauerland 1887 als 20jährige Lehrerin ihr Berufsleben angeht. Der Vater war Schankwirt und ist früh gestorben, neben sieben Geschwistern blieb für Anna Sußebach nur der Weg in die Schule; Bedingung: unverheiratet bleiben. Die Sozialkontrolle in einem Dorf von 500 Einwohnern funktioniert: die Heirat nach 15 Jahren Schuldienst mit dem Kaufmannssohn gegen das Veto dessen angesehener Familie wird kritisch wahrgenommen. Doch Clemens, Annas große Liebe, stirbt nach nur kurzer Ehe, und sie wird Erbin und Geschäftsfrau einer Gastwirtschaft, Poststation, Kegelbahn und Kolonialwarenhandlung. So wird eine Anna eine begehrte Frau im Dorf – bis zur Hochzeit mit einem 19 Jahre jüngeren Junglehrer.
Henning Sußebach will mit seinem Buch die Erinnerung retten: die Erinnerung an eine starke Frau mit einem ungewöhnlichen Leben. Seine Rekonstruktion ist liebevoll, unterlegt mit historischen Quellen und zugleich auch voller Mutmaßungen. Die man ihm gern nachsieht. Denn sein Buch ist zugleich ein gutes Stück deutscher Sozialgeschichte: als Dorf- und Lebensgeschichte und als Geschichte einer emanzipierten Frau.
Beeindruckend!
Dieses Buch empfiehlt Ulrike Groffy
Ingo Siegner
am 23.08.2025 in den Herrenhäuser Gärten
Historische Themen haben ihn immer schon begeistert und sind Gegenstand seiner Bücher geworden. Nun hat der Münchner Autor Hans Pleschinski einen neuen Schatz aus einer untergegangenen Welt gehoben: die Memoiren der Kammerfrau der französischen Königin Marie Antoinette.
Henriette Campan kam fünfzehnjährig zunächst als Vorleserin für die drei Töchter Ludwigs XV 1768 an den Hof von Versailles und wurde wenige Jahre später die Kammerfrau und engste Vertraute von Marie Antoinette, der schönen und tragischen französischen Königin aus dem Habsburger Haus. Erst im hohen Alter hat Henriette Campan ihre Memoiren verfasst (1822): ein literarisches, auch intimes Kleinod, das authentisch Auskunft gibt über eine längst versunkene Epoche: das Leben und die strenge Etikette am Versailler Hof, die zahllosen Affären und Intrigen, todbringende Krankheiten und gefährliche Missgeschicke: “An einem Hof wird alles bekannt.“
Es ist eine Zeit des Umbruchs, die Zeit der Sonnenkönige ist am Verblassen, Verschwendungssucht lässt das französische Volk leiden und schließlich aufbegehren und mit der Revolution den Grundstein für die moderne Gesellschaft legen.
Henriette Campan urteilt in ihren Erinnerungen durchaus eigenständig, hat einen kritischen Blick auf ihre Königin und weiß genau um die politischen und persönlichen Ränkespiele am Hofe. Ihr Stil ist beeinflusst von der französischen Literatur jener Zeit und vermutlich auch von der Prosa Voltaires, wie Pleschinski erläutert.
Campans bewegte Erinnerungen sind bis heute Grundlage für das Wissen über die französische Königin, von der Hans Pleschinski von Kindheit an fasziniert ist. Nun hat er diese Memoiren vorbildlich elegant ins Deutsche übersetzt und klug kommentiert und mit einem Nachwort versehen: ein bedeutungsvolles Zeugnis einer Epoche kann nachgelesen werden!
Dieses Buch empfiehlt Ulrike Groffy
Über die romantische Liebe wurde schon viel geschrieben, und nun bereichert die österreichische Autorin Doris Knecht dieses vieldeutige Thema mit klarem Blick um einen modernen Aspekt: klug, unterhaltsam und nicht nur für Frauen sehr tiefsinnig.
Die Icherzählerin, sicher ein Alter Ego der Autorin, sucht den Zahnarzt auf: ein Backenzahn schmerzt empfindlich. Nichts mehr zu machen, lautet die Diagnose, eine längere Behandlung zur Paradontose wird empfohlen und löst eine Lebenskrise aus.
Schließlich ist die Erzählerin zwar Ü50, aber ansonsten sehr gesund, fit und geht pfleglich mit ihrem Körper um. Ihr Leben ist eingerichtet, nach der Scheidung, die Kinder sind erwachsen, sie kann ihr Schreibleben auf dem Land in einem alten Bauernhaus genießen und weiß um ihre Komfortzone, als sie zufällig einen alten Freund Friedrich, eine alte Beziehung von vor über 20 Jahren, im Supermarkt wiedersieht. Unerwartet schleicht sich dieser Mann in ihre Gedanken, wo sie sich doch eigentlich um die anstehende Hochzeit ihrer besten Freundin kümmern muss. Und auch um ihre Schwester, die sich in ihrer kleinen Stadtwohnung mit einem neuen Mann eingenistet hat. Soll auch in ihrem Leben nochmals ein Mann eine Rolle spielen, frau die Unsicherheit wagen, etwa Kontrolle abgeben? Ja, nein vielleicht?
Assoziativ und mit viel (österreichischem) Lebenshumor entwirft Doris Knecht hier eine Frauenfigur, deren selbstbestimmtes Leben ein wenig ins Wanken gerät. Wie heißt es doch: Entweder es passt, oder eben nicht. Dieses Buch passt!
Dieses Buch empfiehlt Ulrike Groffy
Das Hotel Ritz an der Place Vendôme hatte vor dem 1. Weltkrieg seine glanzvolle Zeit, war berühmt für französische Kultur und Lebensart und zog jede Art von Berühmtheiten an. Die Petit Bar ist eine Legende in der Welt des Luxus – und verkommt ab 1940 zu einem Ort der Illusionen, wie man nun beeindruckt in einem Bestseller aus Frankreich lesen kann.
Frank Meier ist seit 1921 der berühmte Barmann des Ritz; seine Cocktails wie Bluebird, Pink Lady oder Alexandra Highball sind gefragt – nun auch von den deutschen Offizieren, die sich neben französischen Kollaborateuren und Boheme am Tresen einfinden. Äußerst widerwillig serviert Frank Meier, der aus Österreich stammt, Jude ist und katholisch getauft, den ‚Boches‘ ihre Drinks und lauscht insgeheim ihren Gesprächen. Das harsche Regiment der Ritz-Witwe tut ein Übriges: täglich heißt es, sich neu zu arrangieren mit den deutschen Besatzern, die ab 1941 ein zunehmend hartes Gewalt-Regime in Paris etablieren. Und während rundum in der Stadt Elend, Hunger und Verzweiflung herrscht, speist man im Ritz Rinderfilet, Poularde und Seehecht. Und der deutsche Reichsmarschall verschwendet unglaubliche Mengen Wasser für seine Bäder.
Und der Barmann des Ritz lernt trotz seiner Angst in einer Welt voller Täuschungen sich mutig zu engagieren, indem er gefälschte Papiere für jüdische Bürger organisiert.
Der französische Journalist und Radiomoderator Philippe Collin orientiert sich in seinem Roman an den historischen Fakten und setzt dem berühmten Barmann ein literarisches Denkmal: eingestreute fiktive Tagebuchnotizen imaginieren nicht nur Frank Meiers Gedanken, sondern erzählen auch aus seinem Leben und seiner unerfüllten Liebe zu Blanche Auzello, der Frau des Direktors. Mit einer spannungsreichen dichten Atmosphäre überzeugt dieser Roman, der vom Mut und von Loyalität in der düsteren Zeit von 1940 bis August 1944 bewegend zu berichten weiß.
Dieses Buch empfiehlt Ulrike Groffy
Das Multimedia Team der berufsbildenden Schule hat einen wunderbaren Film zum Thema
„Wie wichtig ist Social Media für den Buchhandel“ gedreht.
Wir bedanken uns für diesen tollen Beitrag. Das gesamte Video finden Sie auf unserem
Viel Spaß beim Anschauen!
Tess Gerritsen
am 03.06.20
in der Apostelkirche
Julia Nachtmann, Tess Gerritsen und Margarete v. Schwarzkopf
Volker Klüpfel und
Katharina Spiering
am 27.05.2025
in der Apostelkirche