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HAZ-Online 23.11.2020

HAZ-Online 23.11.2020

Eine Mordserie der besonderen Art: nach Motiven aus dem weltberühmten Kinderbuchklassiker „Alice im Wunderland“. Der argentinische Schriftsteller und Mathematiker Guillermo Martínez hat einen vergnüglichen wie intelligenten Krimi erdacht, in dem sich Logik und Moral treffen.
Lewis Carroll gilt einer der skurrilsten englischen Autoren der viktorianischen Zeit: Wortspiele, Logik und eine überbordende Phantasie haben seine Kinderbücher um Alice beliebt gemacht.
Doch seine Neigung zu kleinen Mädchen und seine Lust am Fotografieren lassen damals wie heute Zweifel an seiner Moral aufkommen: Die ehrwürdige Lewis-Carroll-Bruderschaft hat eine sensationelle Entdeckung gemacht: in den Tagebüchern von Carroll fehlen einige Seiten, aber nun ist eine Notiz aufgetaucht, deren Inhalt ein neues Licht auf die Forschung wirft. Leider möchte Kristen Hill ihre Entdeckung nicht preisgeben – und wird kurze Zeit später Opfer eines Verkehrsunfalles.
Logik-Professor Arthur Seldom und sein argentinischer Mathematikstudent beginnen sogleich mit Nachforschungen, die sie zunächst in die Irre führen. Und dann passiert ein Mord, und die Mitglieder der Bruderschaft, allesamt Carroll-Experten, erhalten Fotografien, deren Herkunft zweifelhaft ist. Und es bleibt nicht bei einem Toten…
„Der Fall Alice im Wunderland“ ist ein wunderbares Lesevergnügen: ein literarisches Vexierspiel, anspielungsreich, voll kluger wie witziger Dialoge und detektivischer List. Moral und Logik, Rätsel und deren Lösungen bieten Spannung bis zum Schluss.
Dieses Buch empfiehlt Ulrike Groffy

HAZ vom 07.11.2020

Benjamin Myers
Aus dem Englischen von K. Timmermann und U. Wasel
DuMont

HAZ-Anzeige vom 2.11.2020

HAZ am 07.10.2020

Zwei Brüder, die in unwirtlicher bergiger Natur einen Überlebenskampf führen, geprägt von familiären Bindungen, Abhängigkeiten und Eifersucht: Der norwegische Autor Jo Nesbø hat einen extrem spannenden, dramatischen Roman geschrieben, voller dunkler Geheimnisse und Abgründe.
Fünfzehn Jahre haben sie sich nicht gesehen: die beiden ungleichen Brüder Roy und Carl. Während Roy nach dem Unfall ihrer Eltern auf dem Hof in den Bergen geblieben ist und ein ruhiges Leben als Tankstellenwart und Automechaniker führt, kehrt Carl nach dem Studium als Master of Business aus den Staaten zurück. Im Gepäck: die Idee vom Bau eines Spa-Hochgebirgshotels inmitten des Ödlands, das den Hof umgibt. Carls Freundin Shannon ist ebenso begeistert von diesem Großprojekt, schließlich ist sie die Architektin des Ganzen. Carl, der erfolgreiche jüngere, absolut gesellschaftsfähige Bruder, der früher stets von Roy aus jedem Schlamassel herausgehauen werden musste, überzeugt das Dorf und seine wichtigen Männer als Finanzierungspartner von seiner Vision. Während Roy, Erzähler dieser archaisch anmutenden Geschichte, als Älterer skeptisch zurückhaltend bleibt. Das hat seine Gründe, die sich dem Leser ganz allmählich offenbaren.
Nesbøs neuer Roman ist umfangreich, und doch von der ersten bis zur letzten Seite von ungeheurer Spannung getragen. Es sind die eigenwilligen, genau beschriebenen Charaktere, die vielen packenden Dialoge und die allmähliche Enthüllung einer entsetzlichen Familiengeschichte. Angelehnt an die älteste Brudergeschichte, die wir kennen: Kain und Abel. Auch hier geht um Liebe, Fürsorge und Abhängigkeiten, aber auch um Gewalt, Missbrauch und ein tiefes Gefühl von Scham. Eine Tragödie, die mitreißt. Und auch etwas von einem bösen Märchen hat.
ISBN 978-3-550-05074-9 € 24,99
Dieses Buch empfiehlt Ulrike Groffy

Diese 9 Erzählungen von Schlink sind ein feines Lesevergnügen!
Kurze Geschichten über das Leben, die Liebe und das Abschiednehmen, mit Leichtigkeit und sachter Melancholie erzählt, ich hab‘s genossen! Wunderbar für spätsommerliche Abende.
Diese Buch empfiehlt Mirjam Dralle.

„Ich habe Gott nie um Kinder gebeten“ – das ist ein wuchtiger Satz für einen Romanbeginn.
Die politische Journalistin Elsa Koester hat einen faszinierenden ersten Roman vorgelegt, der auf packende Weise die Geschichte dreier selbstbewusster Frauen erzählt.
Lisa ist aus Berlin gekommen, um das ererbte Appartement ihrer Großmutter nach deren Tod zu entrümpeln. Über hundert Jahre alt ist Lucile geworden, hatte in Paris nach einem bewegtem Leben endlich ihre Ruhe gefunden. Nach der Unabhängigkeit Tunesiens musste sie dort alles aufgeben – den Hof, die Männer und zwei Söhne – und war mit beiden Töchtern nach Frankreich geflohen. Das Verhältnis zu den Mädchen war kompliziert, bisweilen auch explosiv. Besonders zu Marie, Lisas Mutter, die in Tunesien aufgewachsen ist und den Verlust ihrer Heimat nur schwer verkraften kann.
In wechselnden Perspektiven kommen Mutter und Tochter zu Wort und erzählen direkt, schonungslos von ihrem Leben und ihren Lieben, von Verletzungen und Verlusten, von den Wahrheiten und Lügen. Eingebettet in die komplizierte Historie Frankreichs als Kolonialmacht in Nordafrika, deren Auswirkungen besonders das Leben von Lucile als einer Pied-noir und ihrer Tochter Marie radikal veränderten.
Elsa Koester ist ein mitreißender Roman gelungen, voll detailreicher Bilder und intensiver Gerüche der arabischen Küche, eben „Couscous mit Zimt“.
Dieses Buch empfiehlt Ulrike Groffy

Für ihren Roman „Menschliche Dinge“ gewann Karine Tuil in Frankreich zu Recht zahlreiche Preise. Sie schildert darin das Leben der Bilderbuchfamilie Farel. Jean und Claire sind beide politische Journalisten, er im Radio und Fernsehen, sie als feministische Redakteurin und Buchautorin. Seit einigen Monaten leben sie bereits getrennt, doch es gilt noch einmal die Fassade aufrecht zu erhalten, als Jean der Orden der französischen Ehrenlegion, durch den Präsidenten persönlich, verliehen wird. Dafür reist extra der brillante Sohn Alexandre aus Stanford an. Die Familie kann mühsam den Schein wenige Stunden aufrecht erhalten, nach dem offiziellen Teil des Abends geht wieder jeder seiner Wege. Jean hat Sex mit einer Praktikantin, Claire geht zu ihrem neuen Partner und Alexandre besucht eine Studentenparty. Alles ganz normal, aber am nächsten Morgen steht die Polizei vor Tür der großbürgerlichen, elterlichen Wohnung und nimmt ihn unter dem Vorwurf der Vergewaltigung mit.
Tuil schildert wie die Welt bei den priviligierten Intellektuellen und der Familie des Opfers aus den Fugen gerät, in dem sie uns, wie Geschworene, an dem Prozess teilnehmen lässt. Es ist kein amerikanischer Gerichtsthriller mit Showdown, sondern jeder hat eine andere Sicht auf den Abend und ordnet die Geschehnisse nach den Codes des eigenen Millieus ein. Männer und Frauen bewerten Macht und deren Missbrauch unterschiedlich, aber auch die gesellschaftliche Sozialisation ist prägend für den moralischen Kompass, den wir anlegen. Diese Unterschiede führen zu einem Scheitern der Kommunikation und so werden alle Beteiligten zu Opfern und Tätern.
Karine Tuil ist selbst Juristin und hat ein Buch geschrieben, das einen nach einem atemlosen Lesevergnügen noch lange beschäftigt.
Großartig und unbedingte Leseempfehlung, falls jemand das Taschenbuch „Die Gierigen“ von ihr noch nicht kennt, empfehle ich den Doppelpack!
Dieses Buch empfiehlt Petra Luhnau
